Bewusstes Leben als Art Ersatzreligion?

Ist das bewusste Leben für manche eine Art Ersatzreligion geworden, die sie jedem predigen?

Als Reaktion auf meine Buch Review zu “ Good bye, Logo“, habe ich vor ein paar Wochen ein interessantes Kommentar auf YouTube bekommen. Die Zuschauerin ist der Meinung, dass das Bewusste Leben, in egal in welcher Hinsicht (Konsum, Sport, Ernährung, etc.) für einige Menschen zu einer Art Ersatzreligion geworden ist:

„Ich meine es ist schön, wenn sich jemand einsetzt und es ihm wichtig ist, aber ganz oft kippt die Stimmung – muss es immer erst der kalte Entzug sein bevor man „Lebensqualität“ neu definiert? Dann frage ich mich eher „Was ist dir vorher passiert, das dus vergessen hast?“

In gewisser Hinsicht muss ich ihr da leider Recht geben.

Egal ob Veganismus, Minimalismus etc.- für viele ist ein bewusstes Leben zu eine Ersatzreligion geworden.
Zum Beispiel Veganer, die Minimalismus für Schwachsinnig halten, aber sagen, dass vegan zu leben das einzig WAHRE ist

Zu Anfang sollten wir jedoch abklären, was genau „Bewusst Leben“ bedeutet.

Bewusst Leben

Bewusstes leben predigen und beten
©Esther Stark

Das Leben bewusst wahrnehmen. Sich bewusst zu sein, was man hört, sieht, riecht, spürt und tut. Man bekommt mit, was in einem und um einen herum passiert. Man lebt im hier und jetzt. Wer kennt nicht das Problem, dass man mit dem Auto eine Strecke fährt und sich bei Ankunft fragt, wie man dort hingekommen ist. Man hat sich so konzentriert auf den Verkehr, dass man bewusst das Fahren an sich gar nicht mitbekommen hat?

Wie der Begriff „Bewusst Leben“ ja sagt, es geht auch darum, sich erst einmal bewusst über sein eigenes Leben zu werden. Sich bewusst für etwas zu entscheiden. Für sich zu identifizieren, ob man sich in seinem Leben so wohl fühlt oder ob man vielleicht etwas ändern möchte, da das Leben was man gerade führt nicht mehr zu einem passt, einen nicht mehr glücklich macht oder weil einem die Qualität im eigenen Leben fehlt.

Anderen seinen Lebensstil „predigen“

Diese Personen versuchen einem ihren Lebensstil zu predigen, nach dem Motto: Nur so wie ich lebe ist es das non- plus- ultra und du musst dein Leben ändern. Sollte es nicht darum gehen, sich wohl zu fühlen, so wie man selbst lebt? Sollte man nicht auch weiterhin das Leben mit all seinen Facetten genießen, anstatt sich zu kasteien? Jeder von uns ist anders und die von uns, die ein bewusstes Leben führen sollten nicht ihren Lebensstil predigen oder andere für Ihren Lebensstil verurteilen!

Wenn wir uns für ein bewussteres Leben entscheiden, dann doch weil wir es selbst wollen. Wir definieren für uns, was dies bedeutet und wie weit WIR FÜR UNS PERSÖNLICH gehen wollen. Auch ich wurde in der Hinsicht schon kritisiert, weil meine Wohnung noch zu groß ist, ich zu viel Dekoration besitze….

Es geht hier nicht um einen Wettbewerb, wer z. B. weniger besitzt oder wer besser ist. Ich frage mich oft, warum man sich für einen Lebensstil rechtfertigen muss oder warum man sich mit anderen messen will. Wir entscheiden uns für einen Lebensstil aufgrund von Erfahrungen, die wir machen. Es ist unsere Entscheidung, wie wir unser Leben leben wollen.
Es scheint für einige ein Zwang geworden zu sein z. B. zu reduzieren und vor allem, sich seinen Lebensstil von anderen bestätigen zu lassen…

Auch der Minimalismus ist ein Lebensstil und Teil eines bewussten Lebens.

Minimalismus

Ich habe in den letzten Wochen auch einige Fotos in Minimalismus Gruppen gesehen, in denen gefragt wurde, ob dies oder jenes minimalistisch genug ist. Ich frage mich, warum?
Wenn wir uns für ein bewussteres Leben entscheiden, dann doch weil wir es wollen. Wir definieren für uns, was dies bedeutet und wie weit wir für uns PERSÖNLICH gehen wollen.

Die Definition des Minimalismus ist, die Beschränkung auf der Nötigste und das Wesentliche, also das einfache oder vereinfachte Leben. Es soll als Alternative zur konsumorientierten Überflussgesellschaft gesehen werden. Es bedeutet sich von den Zwängen des Alltags zu befreien.

Jeder von uns definiert aber das Nötigste oder Wesentliche anders, da wir alle Individuen sind.

Wenn ich jedoch diese Bilder sehe, dann scheint es mir, dass es sich mittlerweile um einen Zwang handelt. Einen Zwang zu reduzieren und sich sein Leben von anderen bestätigen zu lassen. Ich bin der Meinung, dass es teilweise ausartet nach dem Motto: ich habe also bin ich bzw. ich habe weniger, also bin ich.

Sich Einsetzen für das, was uns wichtig ist

Ersatzregion Bewusstes Leben- Glaube
©Esther Stark

Sollte es nicht darum gehen, sich wohl zu fühlen, so wie man lebt? Sollte man nicht auch weiterhin das Leben genießen? Jeder ist anders und das ist auch gut so!

Es wurde zusätzlich in dem Kommentar geschrieben: „Es ist schön, wenn sich jemand für etwas einsetzt, das ihm wichtig ist“, aber es geht eben nicht darum andere Menschen zu bekehren!

Ich will niemandem meinen Lebensstil aufdrängen und ihm sagen, dass so wie ich lebe es das non- plus- ultra ist. Das steht mir nicht zu. Ich möchte Menschen inspirieren und meinen Weg mit Ihnen teilen. Ich berichte darüber, was ich erlebe und wie ich mich fühle. Vielleicht gibt es Menschen, denen es genauso ging oder geht, wie mir und die einen Ausweg suchen bzw. ihr Leben ändern wollen. Ich gebe Tipps, wie sie vielleicht etwas ändern können.

Ich sage aber nicht, dass ER ODER SIE ES MUSS.

Respekt und Akzeptanz

Was wir auch oft vergessen ist, dass es Menschen gibt, die z. B. nicht freiwillig minimalistisch leben und die sich damit auch nicht wohlfühlen.
Diese Menschen wurden bzw. werden vielleicht aufgrund von Krankheit oder Arbeitslosigkeit dazu gezwungen. Ich habe mich freiwillig für diesen Weg entschieden, ich konnte wählen. Ich habe für mich einen bewussten und langsamen Prozess gewählt.

Haben wir verlernt einander zu respektieren? Die Meinungen und Entscheidungen unsere Umgebung zu akzeptieren? Ist es nicht gerade die Vielfältigkeit, die das Leben interessanter macht?

Jeder Mensch hat andere Prioritäten. Jeder Mensch hat andere Dinge, die ihn glücklich machen. Das bewusste Leben ist vielseitig, so wie wir Menschen. Die eine Person besitzt so viel, dass es in einen Rucksack passt und hat keinen festen Wohnsitz. Die andere Person erfüllt es Bücher zu lesen oder erfreut sich an Dekoration und hat dementsprechend mehr davon. Die dritte Person isst vegetarisch oder vegan…

Es ist euer Leben, dass ihr so gestalte, wie es euch gut tut und wie ihr euch wohl fühlt.

In dem Film „Minimalism“ von The Minimalist und Colin Wright wird eine Passage aus einer Signaturstunde gezeigt. Dort fragt eine Person, wie es mit Büchern aussieht. Bücher machen diese Person glücklich und haben einen Wert für sie. Die Antwort von Joshua Fields Millburn ist:

As long as the books have a value for you, keep them (Anm.: auch wenn das Ganze eine Bibliothek ist).

Wir alle sollten einander respektieren und auch ihre Entscheidung für ein bestimmtes Leben (auch wenn dies für uns eventuell nicht verständlich ist). Wir sind alle Menschen, mit Ecken und Kanten. Menschen, die auch Fehler machen. Niemand ist perfekt! Wir haben nicht das Recht über das Leben anderer zu entscheiden und ihnen einen Weg vorzugeben (außer vielleicht bei Kindern).

Wie denkt ihr über das Thema? Habt ihr diesbezüglich auch schon Erfahrungen gemacht?

Eure Esther

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.