Die japanische Kultur des Aufräumens und der Ordnung- von Zen bis Marie Kondo

Wer kennt den Namen Marie Kondo nicht? Jeder, der sich mit Organisation, Ausmisten und Aufräumen heutzutage beschäftigt, hat zumindest schon mal von ihr gehört, wenn nicht sogar eines ihrer Bücher gelesen.

Die Japanerin Marie Kondo wurde in 2015 zu einer der 100 einflussreichsten Frauen der Welt gewählt und ihr Buch „Magic Cleaning“ wurde weltweit millionenfach verkauft.

Doch sie ist nicht die erste Japanerin, die sich mit Organisation beschäftigt und deren Bücher millionenfach verkauft wurden. Die Frage, die sich hier stellt, ist, warum ist sie weltweit bekannt & erfolgreich und die anderen japanischen Organisationstalente nicht? Warum ist Ordnung und Putzen in Japan so wichtig und welche Organisations- und Aufräummethoden kommen sonst eventuell noch aus Japan?

Zen

Der Zen(- Buddhismus) kommt eigentlich aus China. Im 12. Jahrhundert gelangte er nach Japan, wo er eine neue Ausprägung erhielt, die wir heute in der westlichen Welt kennen. Auch die heute verwendeten Begriffe stammen hauptsächlich aus Japan.

Doch was hat jetzt der Buddhismus mit Ordnung zu tun, werden ihr euch eventuell fragen.

Im Zen Buddhismus wird gesagt, dass das Leben im Hier und Jetzt stattfinden. Nicht in der Vergangenheit und auch nicht in der Zukunft. Die Vergangenheit sollte uns daher im Jetzt nicht beeinflussen und sollte abgeschlossen sein. Wir müssen daher mit unserer Vergangenheit abschließen und das können viele von uns nur, wenn sie Erinnerungsstücke loslassen und die Erinnerungen verarbeiten.

Des weiteren spielt im Buddhismus die Meditation eine große Rolle. Aber um meditieren zu können, benötigt man Ruhe. Sowohl äußere, als auch innere Ruhe. Um äußere Ruhe zu finden, ist es wichtig sich nicht in einer unruhigen Umgebung zu befinden. Eine unruhige Umgebung ist eine, die voll mit Gegenständen ist. Daher finden man im Zendo (dem Übungsraum von Zen) auch außer eventuell ein paar Blumen keine Dekorationsartikel, kein Schnickschnack. Eben nichts, was überflüssig ist und die äußere Ruhe beeinflussen kann. Es geht in diesem Fall um die ästhetische Schlichtheit. Denn erst wenn das Äußere geordnet ist, kann auch das Innere geordnet werden, was zu Klarheit führt. Es gilt daher Gegenstände los zu lassen, sich dem Überflüssigen zu entledigen, um Ordnung und Ruhe in unser Leben zu bringen.

Ich stimme dem absolut zu. Gerade wenn ich am Schreibtisch sitze, versuche produktiv zu sein, hindert mich jede Unordnung, jedes Stück Papier, dass auf dem Schreibtisch liegt. Stellt euch doch mal vor, dass ihr versucht euch auf dem Sofa zu entspannen, aber auf dem Tisch vor euch, liegt so viel. Sei es die Tasse, aus der ihr vor 3 Stunden eurer Kaffee getrunken habt oder diverse Zeitschriften. Könnt ihr euch dann entspannen oder müsst ihr so wie ich erst alles wegräumen, um zur Ruhe zu kommen?

Ordnung in der japanischen Kultur

Wusstet ihr, dass Japaner bereits schon in der Grundschule zu Ordnung erzogen werden? Es gehört dort zum guten Ton, dass schon die Grundschüler ihre Schule selbst putzen, inklusive Toiletten. Die Kinder lernen dadurch gute Menschen zu werden, die ihre Umgebung respektieren. Weiterhin engagieren sich viele Japaner in ihrer Freizeit dafür die Straßen aufzuräumen. In Tokyo z. B. wird man kaum bis keinen Müll auf der Straße finden. Das mag u. a. daran liegen, dass in Japan eigentlich nicht während des Gehens gegessen wird (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel). Soweit okay, aber wenn es kaum Mülleimer an den Straßen gibt, wie dies z. B. bei uns in Deutschland der Fall ist, was passiert mit dem Müll? Na, ihr könnt es euch wahrscheinlich schon denken. Die Menschen nehmen ihren Müll mit nach Hause oder tragen ihn mit sich bis zum nächsten Mülleimer, den sie finden.

Kommen wir nun aber zu den Wohnungen und Häusern der Japaner. Ende des Jahres heißt es dort nämlich Ordnung schaffen. Ab dem ca. 28.12. putzen die Japaner ihre Wohnung für den Jahreswechsel (Omisoka). Es werden Fenster und Bäder geputzt und Dinge weggeworfen, die nicht mehr benötigt werden. Der Staub und Dreck des Jahres sollen nicht mit ins neue Jahr genommen werden. Ich würde sagen, dass dies mir dem Frühjahrsputz bei uns ein wenig zu vergleichen ist. Doch da es auch im Winter in Japan relativ kalt ist, werden die Fenster gerne auch mal ausgelassen. Doch warum wird zu dieser Zeit so genau geputzt? Die Reinigung am Ende des Jahres hat eine religiöse Bedeutung.
Am Ende des Jahres wird die ganze Wohnung geputzt, um am 1. Jan. einen Gott empfangen zu können, der zur Shinto-Religion gehört.
Jetzt habt ihr einen kleinen Eindruck von der Ordnung nach dem Zen- Buddhismus, der japanischen Kultur und den japanischen Gebräuchen bekommen.

Nagisa Tatsumi

Habt ihr schon mal von Nagisa Tatsumi gehört? Nein? Ich bis vor kurzem auch nicht. Frau Tatsumi ist auch ein Ordnungscoach in Japan. Sie hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Ihr Buch „The Art of discarding“, welches im Jahr 2000 erschien, wurde mehr als 1,3 Mio. mal in Japan verkauft.

Ihre Vorgehensweise finde ich persönlich rabiat und wäre nichts für mich. Es geht darum sich von Dingen zu trennen, ohne sich mit diesen zu beschäftigen, diese eventuell nochmal anzuschauen und damit auseinander zu setzen.
Sagen wir, ihr habt etwas in eine Box gelegt, vielleicht ein Erinnerungsstück. Ihr habt aber schon seit Jahren nicht mehr in die Box geschaut. Hier schlägt Nagisa Tatumis vor, die Box weg zu schmeißen, ohne sich nochmal anzuschauen, was sich darin befindet. Man hat längere Zeit nicht mehr hineingeschaut und es nicht gebraucht, dann soll es unser Zuhause verlassen. Vielleicht können wir uns ja noch nicht mal daran erinnern, was sich noch darin befindet. Würden wir jetzt nochmal die Box schauen, dann würden wir zögern und es würde uns daran hindern, es los zu lassen.

Auch wenn du etwas siehst und dir denkst, dass du dich später darum kümmern willst, so tun wir dies doch in den seltensten Fällen. Nagisa Tatsumi sagt hier: Schmeiß es jetzt sofort weg. Wir befassen uns sonst gedanklich weiterhin damit und verschwenden unsere Energie.
Ich will doch aber vielleicht nicht alles SOFORT WEGWERFEN! Und vor allem, warum soll ich denn alles wegwerfen? Vielleicht möchte ich dieses etwas auch spenden und komme aber erst morgen dorthin, wo ich es gerne als Spende hinbringen möchte.

Marie Kondo

Abschließend möchte ich denen, die Marie Kondo vielleicht noch nicht kennen, meine Inspiration fürs Ausmisten und Ordnung halten vorstellen.

Die Methode die sie anwendet, wird die KonMari Methode genannt. Mittlerweile haben die Amerikaner sogar ein neues Verb eingeführt „to kondo“, was „einen Schrank aufräumen“ bedeutet. Doch was macht diese Frau, dass die halbe Welt nach ihrer Art und Weise ausmistet und Ordnung schafft?

Fangen wir erstmal einmal mit den Grundsätzen der KonMari- Methode an:

  • Alles auf einmal, in kurzer Zeit und perfekt aufräumen
  • Alle Dinge zum Aufräumen werden auf einem Haufen gesammelt
  • Entscheiden, was weggeworfen wird aufgrund der Frage: Macht es mich glücklich, wenn ich diesen Gegenstand in die Hand nehme?
  • Jeder Gegenstand, den man behält, bekommt seinen Platz zugewiesen
  • Alle Dinge müssen dort richtig verstaut werden

Soweit hört sich das erstmal gut an. Am besten gefällt mir der dritte Grundsatz, denn wie oft besitzen wir Dinge, die uns eben NICHT glücklich machen und die einfach eben nur da sind, die wir einfach behalten haben? Diese Dinge belasten uns oft, sie sorgen bei uns für eine innere Unruhe, die uns vielleicht noch nicht einmal bewusst ist. Diese Gegenstände hindern uns oft im hier und jetzt zu leben und das zu genießen, was uns Spaß macht, weil sie uns an die Vergangenheit binden. Es geht also nicht darum, das los zu lassen, was wir nicht benötigen, sondern es geht eben darum das zu behalten, was uns glücklich macht!

Doch was ist ist noch anders, als bei vielen anderen Ratgebern und anderen Organisationscoaches? Bei ihrer Methode geht man nicht nach Zimmern oder zum Beispiel Schubladen vor, sondern nach Bereichen. Der Weg beginnt mit Kleidung und auch dort wird nach einer gewissen Reihenfolge vorgegangen. Zuerst die Oberteile, dann Kleider, Pyjamas, Jacken, (Hand)taschen, Gürtel und Schals, Hüte & Handschuhe, Socken & Unterwäsche, Schmuck, Kostüme und zum Schluß Sportkleidung. Glaubt mir, das hört sich vielleicht gar nicht so schlimm an, aber als ich meine Kleidung nach diesem Prinzip aussortiert habe, kam ich teilweise echt an meine Grenzen. Ich hatte Klamotten im Kleiderschrank, die mich definitiv nicht glücklich gemacht haben, die ich aber für gewisse Anlässe eventuell brauchen könnte… Im Endeffekt habe ich mich von diesen Kleidungsstücken nach ein wenig überleben dann getrennt. Denn warum soll ich diese Kleidungsstücke tragen, wenn ich mich darin nicht wohl fühle und sie mich daher nicht glücklich machen?

Die nächste Kategorie sind die Bücher und dies viel mir persönlich schon viel einfacher. Ich habe zu dem Zeitpunkt wirklich nur Bücher behalten, die mich glücklich gemacht haben, die ich gerne gelesen habe und von denen ich einige sogar später nochmal gelesen habe. Viele mit einem Schmunzeln im Gesicht. Da ich keine Kochbücher besitze, konnte ich den Anfang schon mal überspringen. Danach kommen die allgemeinen Bücher, gefolgt von Kinderbüchern, Magazinen, Textbüchern und abschließend Telefonbücher. Besitzt heute noch jemand Telefonbücher? Also ich nicht! Wenn ich eine Telefonnummer benötige, dann schau ich im Internet nach…

Jetzt wird es generell anstrengend, denn es folgen die Papiere. D. h. Rezepte, Garantie- und Steuerdokumente, andere wichtige Dokumente, Rechnungen, Geschenkkarten, Geschenkpapier, Notizbücher, Visitenkarten und Quittungen. Anstrengend ist es nicht, weil es schwer zu entscheiden ist, was einen glücklich macht bzw. was man aufgrund von irgendwelchen Aufbewahrungsfristen behalten muss. Anstrengend ist dies, weil wir alle doch meisten massenweise Dokumente besitzen. Diese durchzugehen, dauert seine Zeit. Ich hatte damals sogar noch Uni- Unterlagen aufgehoben, weil ich dachte, dass ich da bestimmt irgendwann nochmal rein schauen werde… Pustekuchen!

Wir haben es fast geschafft und begeben uns nun zum Kleinkram. Darunter zählen u. a. DVD’s & CD’s, Bürobedarf, Putzzeug, Küchenzubehör, Dekoration, aber auch alles, was zum Bad gehört, von Kosmetik bis zu den Handtücher. Das sind viele Teilbereiche, die hier zusammengefasst sind, aber es bereitet euch auf den letzten Bereich vor, der zwar wahrscheinlich klein sein wird, aber der alles von euch abverlangen wird. Daher ist es gut, dass er auch zum Schluss kommt: Erinnerungsstücke.

Erinnerungsstücke werden jemandem emotional alles abverlangen. Es muss sich mit der Vergangenheit auseinandergesetzt werden. Es kommen schöne und lustige Erinnerungen zu Tage, aber auch traurige. Ich bin der Meinung, dass man sich hierfür Zeit nehmen sollte. Zeit die Erinnerungen zu verarbeiten, aber auch Zeit um Erinnerungen gehen zu lassen. Erinnerungen sind oft das, was uns daran hindert, das Leben zu genießen und frei zu sein für die Dinge, denen wir im Leben begegnen.

3 Gedanken zu „Die japanische Kultur des Aufräumens und der Ordnung- von Zen bis Marie Kondo

  1. Liebe Esther,

    ich habe deinen Blog und deinen YouTube-Kanal erst vor kurzem „wieder entdeckt“. Ich finde deinen Weg extrem spannend!

    Ich möchte nun auch anfangen mich von vielen Dingen zu befreien. Meine Kosmetiksammlung reduziere ich schon seit längerem und am längsten dauert bei mir das Aufbrauchen meiner Lidschatten. Da ich in meinem Freundes- und Familienkreis keine Abnehmer finde (die meisten schminken sich gar nicht), muss ich noch einiges an Zeit investieren bis ich einiges loswerden kann.

    Wie gesagt bin ich noch ziemlich am Anfang und muss schauen, dass ich meinen Freund mit meiner „Wegschmeiß-Wut“ nicht überrumpele. – Er ist leider eher der Sammler und Horter (abgesehen von meinen Massen an Klamotten in sämtlichen Kleidergrößen…), der mit dem Argument kommt „dafür habe ich mal viel Geld bezahlt – das bekomme ich nicht wieder. Und zum Wegwerfen ist es zu schade.“ oder „Es geht mir einfach darum zu wissen, dass ich es habe, nicht unbedingt ums Benutzen.“

    Ich hoffe, ihn ein wenig anzustecken auch auszumisten, wenn er sieht wie frei und beweglich man sich in der Wohnung fühlen kann. Bis dahin arbeite ich an mir und meinen Bereichen (die Küche ist schon mal meine 😉 ) und bin gespannt wie schnell sich bei mir Fortschritte zeigen!

    Nun zu meiner Frage: Du erwähnst hier als auch in einem deiner ersten YouTube-Videos, dass du das Buch „Magic Cleaning: Wie Wohnung und Seele aufgeräumt bleiben“ als Stütze genommen hast. Hast du wirklich mit dem 2. Buch von Marie Kondo begonnen? Meinst du man sollte es unbedingt lesen oder reicht es deiner Meinung nach auch aus sich deine verlinkte Liste von ihr auszudrucken und abzuarbeiten?

    Danke schonmal für deine Antwort und ganz liebe Grüße!

    Jessica

    1. Hi Jessica,

      danke für dein offenes Feedback.

      Gib deinem Freund Zeit und mache es ihm vor. Wie du geschrieben hast, wird er dann wahrscheinlich von alleine merken, wie befreit es sich dann wohnt. Kümmere dich erstmal nur um deine Bereiche. Wenn er dann auf dich zukommen sollte und deine Unterstützung erbittet, dann geh behutsam mit ihm und seinen Sachen um. Er muss von sich aus Gegenstände los lassen wollen.

      Nun zu deiner Frage bzgl. des Buches. Du brauchst dir nicht das zweite Buch von Marie Kondo kaufen. Ich habe es zwar damals angefangen, aber nie zu Ende gelesen. Ich glaube es war zu viel Bezug auf die Dinge aus dem ersten Buch und daher habe ich nicht mehr weitergelesen. Dass ich mich aber noch nicht einmal mehr daran erinnern kann, sagt meines Erachtens schon viel aus. Für de Anfang reicht es wenn du dir die Liste ausdruckst und durcharbeitest. Das alleine wird schon teilweise herausfordernd genug. Wenn du dann an einem Punkt nicht weiterkommst, kannst du mich gerne kontaktieren. ich wünsche dir einen wundervollen Abend!

      Esther

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