Nachhaltiger Frugalismus: Leichter leben mit mehr Zeit

Verzicht, Entsagung und Sparen bis aufs Blut: Diese Assoziationen haben viele, wenn sie Frugalismus hören. Ich lebe frugal und bin reich wie eine Königin. Reich an Zeit, Wahlmöglichkeiten und guten Gewohnheiten, dank derer ich nachhaltig lebe und meinen CO2-Fußabdruck klein halte.

Was ist Frugalismus? Eine Definition kann so lauten:

Frugalismus = Minimalismus + Finanzen.

Frugalisten leben minimalistisch und ermöglichen sich durch Sparen und Anlegen, weniger zu arbeiten. Das kann eine Reduzierung der Stunden im Job sein oder die berühmte Rente mit 40. Finanzielle Unabhängigkeit ist das magische Ziel, das viele frugal lebende Menschen antreibt.

Finanzielle Unabhängigkeit und eine frühe Rente interessieren mich eher weniger, mein höchstes Gut sind meine Freiheit und die Möglichkeit, tun und lassen zu können, was ich möchte. Wie meine Art des frugalen Lebens aussieht und was es mit dem nachhaltigen Frugalismus auf sich hat, erfährst du in diesem Artikel.

1. Günstig wohnen

Miete und Nebenkosten machen für viele den Großteil ihrer monatlichen Ausgaben aus. 

Ich lebe mit meinem Freund und unserer Tochter im Haus meiner Schwiegermutter. Wir wohnen zu dritt in einem Zimmer und teilen uns Küche und Bad mit der Oma.

Obwohl wir es immer wieder anbieten, zahlen wir keine Miete. Auch an den Kosten für Wasser, Heizung und Strom „dürfen“ wir uns nicht beteiligen.

In so einer Familien-WG zu wohnen kann manchmal ganz schön eng und nervig sein. Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, mache ich mir bewusst, warum ich mich dafür entschieden habe:

Unsere Wohnsituation erlaubt mir, weniger für Geld zu arbeiten und mehr für meinen Blog zu schreiben. 

Es ist immer eine Oma da, die sich um unsere Tochter kümmert und uns hilft. 

Wenn du Kinder hast oder an einem Projekt arbeitest, das (noch) kein Geld einbringt, weißt du, wie unendlich wertvoll diese beiden Dinge sind.

2. Vegane Ernährung 

Ich ernähre mich vegan und kaufe saisonale und regionale Lebensmittel, überwiegend auf dem Markt oder im Unverpacktladen.

Anders als viele denken, ist eine so zusammengestellte Ernährung äußerst günstig, sodass ich im Monat nur etwa 100 bis 150 Euro für Essen ausgebe.

Ich koche mit Basis-Lebensmitteln: Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, Nüsse oder Samen, dazu frisches Gemüse der Saison und Obst für zwischendurch. Vegane Gerichte lassen sich hervorragend vorkochen und halten sich mehrere Tage im Kühlschrank. Auch das spart Geld und Zeit.  

Es sind nicht die pflanzlichen Nahrungsmittel, die teuer sind. Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte kosten mehr als ein Kilo Linsen, Hirse, Erdnüsse oder Brokkoli. Tierische Lebensmittel verderben außerdem schneller, was die Ausgaben noch einmal erhöht. 

3. Nachhaltiger Konsum & Zero-Waste-Swaps

Seit fast drei Jahren lebe ich verpackungsreduziert („Zero Waste“, oder genauer: „Low Waste“) und verwende eine ganze Reihe nachhaltiger Alternativen zu Wegwerfprodukten. Damit reduziere ich nicht nur meinen CO2-Fußabdruck, sondern spare auch eine Menge Geld.

  • Haarseife ist ergiebig, leicht mitzunehmen und ersetzt ganze Batterie von Shampoo-Flaschen.
  • Dank der genialen Kombination aus Waschlappen bzw. Stofftaschentüchern und Wasser habe ich nie auch nur einen Cent für Feuchttücher ausgegeben.
  • Teure Cremes, Bodylotions und Abschminkprodukte ersetze ich durch Rapsöl, das sich zusammen mit etwas Wasser in ein universell einsetzbares Pflegeprodukt verwandelt.
  • Fürs Rasieren habe ich in den letzten sechs Jahren insgesamt ungefähr 25 Euro ausgegeben. Rasierhobel und Rasierklingen sind um ein Vielfaches günstiger und langlebiger als Systemrasierer und die dazugehörigen Scherköpfe.
  • Stoffwindeln sind eine Investition, die sich schnell rentiert. Zwei Jahre Wickeln haben mich etwa 200 Euro gekostet. Durch den Verkauf der Überhosen reduziert sich der Betrag noch einmal um rund 100 Euro.
  • Kleidung für mich und meine Tochter kaufe ich ausschließlich gebraucht. Das ist nicht nur günstiger, sondern auch gut für die Umwelt. Außerdem bekomme ich hochwertige Markenkleidung gebraucht zu einem Bruchteil des Neupreises.
  • Ich fahre Fahrrad statt Auto, das hält frisch, fit und gesund und macht gute Laune. Ich stehe nie im Stau, suche nie einen Parkplatz, bekomme keine Rechnungen, muss nie zum TÜV und habe keine blechernen Sorgen.

4. Gut vorbereitet sein

Hier einen Kaffee zum Mitnehmen, da ein belegtes Brötchen, dort ein Kaltgetränk… Was einzeln betrachtet nur ein paar Euro kostet, addiert sich schnell zu einem schönen Sümmchen auf. 

Die Ausgaben für einen Coffee to go, den ich mir zweimal in der Woche für 2,20 Euro kaufe, läppern sich innerhalb eines Jahres auf fast 240 Euro – das sind zwei ganze Arbeitstage (bei einem Stundenlohn von 14 Euro).

Und hierbei handelt es sich um einen Americano, andere Kaffeespezialitäten kosten meist mehr. Von irrsinnigen Kreationen mit Marshmallows und Co, die kalorientechnisch eine ganze Mahlzeit ersetzen und mit deinem Namen versehen werden, mal ganz zu schweigen.

Nachhaltiger Frugalismus bedeutet für mich auch, diese sich summierenden Kleinausgaben zu vermeiden. Ich habe immer Wasser und ein Heißgetränk dabei, wenn ich unterwegs bin. Auf Reisen nehme ich Obst, Nüsse, ein belegtes Brot oder einen Couscous-Salat mit. 

Als ich noch im Büro gearbeitet habe, bestellten sich die Kollegen zum Mittag oft belegte Brötchen, während ich immer ein Glas leckerer Overnight Oats dabeihatte. 

Mit dieser guten Vorbereitung schlage ich drei Fliegen mit einer Klappe:

  • Ich spare Geld, denn ein zuhause belegtes Brot kostet den Bruchteil eines unterwegs gekauften.
  • Ich vermeide Abfall. In Deutschland werden täglich über 7,8 Millionen Einwegbecher (und Deckel!) weggeworfen. Ich bin froh, nicht zu diesem Müllberg beizutragen.
  • Ich ernähre mich gesünder. Selbstgemacht ist im Zweifelsfall gesünder und sättigender als Convenience-Food aus dem Bahnhofs-Supermarkt.

5. Alternativen zum Kaufen

Der Klick auf den Kaufen-Button wird schnell zu einer Gewohnheit. 

Etwas ist kaputt – kaufen.

Ich möchte etwas Neues haben – kaufen.

Mir ist langweilig – kaufen.

Der Nachbar hat das auch – kaufen.

Im Laufe der Zeit habe ich mir den kaufen-Reflex abgewöhnt. Das war wie bei jeder Gewohnheit nicht ganz einfach, schließlich wartet an jeder Kasse und hinter jedem Button eine kurzer Glückskick. Esther berichtet hier  und hier  über ihren Weg zum Nichtkaufen.

Kaufen gilt heute als so normal, dass die Alternativen regelrecht in Vergessenheit geraten sind. Reparieren? Abwarten? Selbermachen? Aus der Mode gekommen.

Wenn ich etwas kaufen möchte, warte ich grundsätzlich erst einmal ein paar Tage ab. Meist ist der Wunsch schneller vergessen, als ich ihn notieren konnte.

Kaputte Dinge repariere ich selber oder lasse ich reparieren. Das gilt nicht nur für Gebrauchsgegenstände, sondern auch für Kleidung: Gut verarbeitete Schuhe lassen sich immer wieder reparieren und können zehn Jahre und länger getragen werden.

Langeweile vertreibe ich nicht wie eine lästige Fliege mit Shoppen, sondern ich freue mich darüber und langweile mich bewusst und mit Absicht. Meist kommen mir dabei die besten Ideen.

Andere Alternativen zum Neukaufen sind Leihen, Mieten und Gebrauchtkaufen. In den letzten Jahren habe ich nur eine Handvoll Dinge neu gekauft, darunter Aufkleber für meine Tochter und einen Wasserfilter fürs Reisen. Spielsachen, Kleidung, technische Gegenstände und sogar Pflegeprodukte wie Aufsätze für meine elektrische Zahnbüste (neu & originalverpackt :D) habe ich mir auf Flohmärkten, in Secondhandshops oder auf Online-Plattformen besorgt. 

Stell dir vor, wie viele Gegenstände täglich produziert werden. Welche Massen kommen dabei auf die Woche, den Monat oder auf das Jahr gerechnet zusammen? Alles existiert schon, wurde bereits produziert. Welch ein Wahnsinn ist es, weiterhin neue Dinge zu kaufen? 

6. Einen Überblick über die eigenen Finanzen haben

Zum frugalen Leben gehört auch der bewusste Umgang mit den eigenen Finanzen. Ich führe ein Haushaltsbuch, in dem ich laufende Kosten, Einmalkäufe, Ausgaben für Lebensmittel und Gehaltszahlungen dokumentiere. 

So habe ich stets einen Überblick über meine Einnahmen und Ausgaben.

Dank der Tabellenform lassen sich alle Daten in Diagrammen darstellen, sodass ich mit wenigen Klicks sehen kann, wo es noch Sparpotential gibt.

Für viele umgibt ein Haushaltsbuch die Aura des Spießigen, Altmodischen und Aufwändigen. Haushaltsbücher wurden von Hausfrauen in den 50er Jahren geführt, die Rechenschaft über den Verbleib des Haushaltsgeldes gegenüber dem Ehegatten ablegen mussten.

Mit modernen Mitteln (Smartphone, Google Tabellen, Apps, Excel) reduziert sich der Aufwand auf wenige Minuten im Monat. Im Gegenzug holt man sich die Verantwortung für seine Finanzen (zurück) und überlässt sie nicht länger dem Zufall. 

Das Führen eines Haushaltsbuchs fördert den bewussten Umgang mit Geld. Es kann ein gutes Mittel sein, um jene kleinen, wiederkehrenden Ausgaben zu reduzieren, über die ich oben sprach.

7. Investieren

Kein Frugalismus ohne Investitionen!

Irgendwo müssen die gesparten Geldmengen ja schließlich hin.

Frugalisten und andere Menschen, die sich mit dem Thema Geldanlage beschäftigt haben, entscheiden sich in vielen Fällen für sogenannte ETFs bzw. Indexfonds.

Ich habe mich für einen nachhaltigen ETF entschieden. Nachhaltige ETFs enthalten jene Branchen und Firmen nicht, die zweifelhaften, für Mensch und Umwelt potentiell schädlichen Geschäften nachgehen. Dazu gehören Unternehmen, die Waffen, Alkohol, Zigaretten, gentechnisch veränderte Lebensmittel und andere zweifelhafte Dinge herstellen. 

Die durchschnittliche Rendite fällt dafür um ein paar Prozentpunkte niedriger aus.

Egal, für welchen ETF oder Indexfonds man sich entscheidet: Letzten Endes investiert man immer in den Kapitalismus. Auf den ersten drei Plätzen meines ETFs befinden sich Tesla, Microsoft und Nvidia (ein Entwickler von Grafikprozessoren und Chipsätzen) Diese Unternehmen stehen für technische Innovation und Fortschritt, erzeugen aber gleichzeitig eine hohe Nachfrage und tragen zu dem Konsumwahn bei, den ich mit meinem nachhaltigen Frugalismus ablehne.

Beim Investieren habe ich mich gegen Widerstand und für Kapitalismus entschieden. Mit diesem Widerspruch lebe ich. 

Wofür gibst du im Monat am meisten Geld aus? Und was machst du mit dem Geld, das du sparst? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

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